Warten
Da kannst du warten bis du schwarz wirst.
„Da kannst du warten bis du schwarz wirst.“
Ich schreckte auf. Vor mir stand ein Mann in blauer Uniform. Unter dem Arm hatte er eine schwarze Umhängetasche und eine zerknitterte Zeitung geklemmt. Er blickte mich durch seine müden Augen an, wedelte mit seinem Schlüsselbund vor meinem Gesicht herum, und murmelte etwas von Sperrstunde und Feierabend während er sich umdrehte und davon schritt.
Die Straßen waren leer. Der Schein der Laternen tauchte die geparkten Autos in ein diffuses gelbes Licht. Auf dem Heimweg hallten mir die Worte U-Bahnfahrers durch den Kopf.
Warten. Was bedeutet das eigentlich?
Wir warten im Stau darauf das es weitergeht, beim Arzt im Wartezimmer, auf das Wochenende, im Restaurant auf unser Essen. Wir warten morgens auf die Post in der Hoffnung auf einen handgeschriebenen Brief zwischen den Rechnungen, auf den Frühling, auf unseren großen Auftritt, die Arbeit wartet auf uns und wir auf eine Antwort. Und zwar ungeduldig.
Warten bedeutet, an einem Ort, in einem Zustand kürzere oder längere Zeit zu bleiben, in der Annahme, dass etwas eintreten wird, was diese Situation ändert oder beendet.
Warten wir freiwillig?
Gelassen warten wir auf die Ereignisse, die wir uns erwünschen und erhoffen. Das Warten steigert unsere Vorfreude.
Die Qual des Wartens steht dem gegenüber, vergebliches Warten, angstvoll vor dem Unbekannten. In beiden Fällen steigt die Bedeutung des Erwarteten, mit der Zeit die man investieren muss. Wir lassen auf uns warten, doch meistens haben wir den Eindruck, zum Warten gezwungen zu sein. Es erscheint wie ein notwendiges Übel dem niemand entgehen kann.
Ich ging an einer Reihe verrosteter Fahrräder vorbei, bei einigen waren die Reifen platt, bei anderen die Speichen verbogen.
Es erinnerte mich an eine Situation vor ein paar Monaten: Cyprien und ich hatten die Magellanstraße mit der Fähre überquert und Feuerland mit dem Fahrrad erreicht. Die erste Nacht gewährte uns ein Gaucho Unterkunft in den Baracken der Schäfer auf seiner Hacienda. Vor seinem Hof lag das riesige Skelett eines Wals, dass ein jugoslawischer Immigrant auf der Suche nach Arbeit nordwärts mit dem Pferdefuhrwerk von der Atlantikküste her geschafft hatte und es hier gegen ein Dach über dem Kopf und einer Stelle als Scherer eingetauscht hatte.
Im Morgengrauen packten wir zusammen, tranken einen Maté mit Urize, bedankten uns und fuhren los. Auf der Karte sahen wir, dass etwa 160 Kilometer Schotterstraße vor uns lagen. Schon nach einer Stunde brach an Cyp's Fahrrad die erste Speiche. Wir hatten keinen Ersatz. Mit jedem weiteren großen Schlagloch zog sich die Misere fort und das Rad bekam einen Achter. Wir versuchten nachzujustieren, sattelten Gepäck auf mein Fahrrad um, doch es brachte nichts. Als die sechste Speiche brach war es vorbei, das Rad bewegte sich nicht mehr.
Wir waren irgendwo in der Pampa. Es gab keine Häuser, keine Bäume, nur Steppe. Wir saßen am Straßenrand und warteten. Auf eine Idee. Cyp packte seine Gitarre aus und begann zu spielen. Durch den starken Wind hörte ich französische Wortfetzen. Es war ein Lied, dass er in ger mongolischen Natur geschrieben hatte. Nach zwei Wochen in denen er auf dem Pferd dem Flußlauf gefolgt gefolgt war, stieß er auf eine Nomadenfamilie. Sie gaben ihm ein Lager für die Nacht in einem Jutezelt und er begann bei ihnen zu arbeiten. Pferde mit dem Lasso fangen, Schafe schlachten. Sie kommunizierten mit Händen und Füßen. Der Älteste war ein kleiner Mann, mit vielen Falten und einem langen weißen Bart. Er hieß Sultan Murat. Das Lied handelte von ihm.
Die Wolken zogen über uns hinweg und warfen lange Schatten auf die okerfarbene Landschaft.
Der Akt des Reisens, sich über eine größere Entfernung hinweg von einem Ort an einen anderen zu bewegen, ist die reinste Form des Reisens.
Es ist wie der Moment zwischen Einatmen und ausatmen. Ein kurzer Augenblick der Schwerelosigkeit, Zeitlos. Abschied und Vorfreude. Rekapitulation des Erlebten und Phantasien über das Kommende. Zeit um die Vorbeiziehenden Felder zu betrachten, wie sie langsam zu einem langen Band verschwimmen.
Als ich so darüber nachdachte, wurde mir bewusst weshalb mir die Zeiten zu Fuß und auf dem Fahrrad so prägend in Erinnerung geblieben sind.
Nicht nur wegen der direkten Konfrontation mit den Elementen der Natur, dem Wind in den Haaren, dem Hungergefühl, dem Sternenhimmel, dem ständigen Muskelkater. Sondern insbesondere auch durch die Tatsache, dass man sich nahezu konstant in diesem zeitlosen Zustand befindet. Ein Zustand, den wir in unserem Alltag als Warten empfinden. Wir möchten nicht U- bahn fahren sondern am Ziel sein. Wir möchten nicht Popmusik aus dem Telefon hören sondern jemanden sprechen, der uns weiterhelfen kann.
Fern von Routine und Alltag bekommt Warten plötzlich eine völlig andere Bedeutung. Es ist Zeit zum nachdenken, zu beobachten, einfach mal nichts zu tun. Man hat es selbst in der Hand, den Moment hinaus zu zögern, ihn auszukosten, seine Dauer zu strecken, indem man am Wegesrand hält, einer Feldmaus beim Graben zusieht, eine Pflanze betrachtet oder einen Stein aufhebt, ihn zwischen Daumen und Zeigefinger reibt, in der Handfläche wiegt, abpustet, musternd ob man ihn mitnehmen möchte, um ihn dann weit weg ins Feld zu werfen. Jedes Warten birgt die Zeit für eine gedankliche Reise.
Mittlerweile war ich zuhause angekommen. Ich setzte Teewasser auf. Es war kurz vor fünf. Da konnte ich auch noch eine halbe Stunde warten bis die Zeitung kam. Ich setzt mich hin und begann zu schreiben. Dies ist der vorletzte Satz.
Das Warten in Feuerland fand nach ein paar Stunden ein Ende. Aber das ist eine andere Geschichte.
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Was es heist zu warten? | designer-wg.de updates
Donnerstag, 11. März 2010
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Kommentare
es gibt auch ein warten, ohne etwas zu erwarten. Man trainiert es beispielsweise im ZEN. Dann klingt das Wort eher nach "ausharren" oder "verweilen" oder einfacher noch, nach "einfach gegenwärtig sein". Durch eine solche innere Haltung verändert sich unser geläufiges "warten" (das auf etwas gerichtet ist) zu einer sehr lebendigen, gegenwärtigen Lebenszeit, die alles hat, ohne etwas zu er-warten. Spannender Perspektivwechsel.
Warten gibt uns die Gelegenheit, zu erkennen, wie unwichtig Manches ist. Während des Wartens erkenne ich zum Beispiel oft, das ich jetzt nicht mehr warten möchte und gehe einfach. Weil es mir wichtiger ist.
freut mich sehr.
"Jedes Warten birgt die Zeit für eine gedankliche Reise." Was für ein Satz! Danke, du hast mir geholfen, "warten" mal nicht aus der Sicht des "geduldig sein müssen" zu sehen.
Gerade heute lag mir das Thema wieder im Magen ... perfektes Timing, dass ich heute auf leafrs und somit auf deinen Text gestoßen bin ... Dankeschön und lieben Gruß, Ju
Super Djego, das ist gut, für meinen Geschmack ;-)
Mach weiter, schreib.... und hör nicht mehr auf, bis du "schwarz" bist.